Zwischen Zweistromland und Kaspischem Meer – Die Jahreswende im Iran 2009
Nach kurzer Nacht im Direktflug nach Teheran, die großzügige Zoll- und Passkontrolle ist passiert, spreche ich einen Mitreisenden mit der Bitte um Mitnahme in das gut fünfzig Kilometer entfernte Zentrum der Kapitale an. Gerne nimmt er mich in die Stadt mit, muß jedoch noch auf seinen Bruder warten, der ihn abholt. Er entpuppt sich als Wüstenexperte. Diese Wartezeit entwickelt sich in eine Lehrstunde iranischer Wüstenkunde, mit Bildern vergangener Erkundungen in noch unerforschte Gebiete, Plänen von Expeditionen für die nähere und fernere Zukunft sowie Tipps für eine eigene Erkundung. Danach fuhr man mich im für die anstehende Expedition vorbereiteten Landrover bis vor das mir zur Verfügung gestellte Appartement mit bereits gefülltem Kühlschrank und ich begrüßte dort meinen Freund von meinem ersten Besuch 2007, der geduldig auf mich gewartet und dies alles organisiert hatte.
So fing meine Reise an.
Wenn Sie mich fragen, was mich am meisten beeindruckt hat, dann ist es sicherlich die Situation am Schlachtfeld der ersten Gefechte mit dem angreifenden Irak 1980, nördlich von Khorramshahr – unmittelbar an der irakischen Grenze.
Lange fährt man durch eine Wüstengegend, einer Ödnis. Es ist dieselbe Landschaft wie von der Kreisstadt Ahvaz nach Abadan. Irakische T-54 stehen wie Mahnmale entlang der vor Hitze flimmernden Straße. Die Eisenbahnstrecke dort wird gerade von einem deutschen Unternehmen neu trassiert. Immer wieder ragen hier seltsame Kegelstümpfe in die Luft. Nähergekommen merkt man, daß es sich um aus Sand aufgehäufte Tarnungen für Bereitstellungsräume von Truppen handelte, um dem Gegner die Sicht darauf zu erschweren. Nun folgt eine Kontrolle durch Militärposten, dann kommen wir zum Parkplatz, der bereits von Hunderten von Bussen okkupiert ist.
Vom Abstellplatz wird man an einer Moschee vorbei auf einen Raum von knapp einem Quadratkilometer geführt, wo eine Kriegsinszenierung mit Gefechtslärm, Düsenjägerangriffen und menschlichen Stimmen eingerichtet ist, durch die man hindurch muß. Stacheldrahtverhaue, eingegrabene Panzer und andere Kriegsutensilien unterstreichen die akustischen Eindrücke aus den Lautsprechern. Es ist derart erschütternd, daß der normale Besucher nur die Flucht davor ergreifen kann.
Man erklettert daraufhin einen Sandwall und sieht ein riesengroßes Feld, nur Sand - ohne alles, d.h., bis auf eine kleine Moschee, einige irakische Panzer, Drahtzäune als Grenzmarkierung sowie eine irakische Grenzbefestigung. Am Horizont, ca. zehn Kilometer entfernt, die Hafenanlagen der irakischen Stadt Basra.
Kolonnen von Männer, Frauen und Kindern streben dieser Fläche zu, einige mit grünen, roten Fahnen. Manch ein Trupp von Wallfahrern umgeht das Kriegsszenario auf den Sandwällen, welche das Gebiet eingrenzen und wird doch dadurch ebenfalls berührt- so behende man auch schreitet.
Man teilt sich auf in Gruppen, die beisammensitzen und der Gefallenen gemeinsam gedenken, sowie einzelne, die sich in den Sand setzen und für sich trauern. Manch einer sitzt vor fünf wie eine Gefechtsstellung aufgeschichtete Sandsäcke, eine rote, eine grüne Fahne darüber ausgebreitet, versenkt sich und betet. Éin anderer hat sich eines der weißen, roten, grünen Basiji (Kriegsfreiwilligen)-Tücher um den Kopf gebunden, möchte allein sein mit seinem Schmerz.
Gruppen stehen mit Geistlichen vor der irakischen Grenze; man sieht hinüber...
Einer der in Weiß Gekleideten erkennt mich als Ausländer, fragt mich nach meiner Herkunft und noch dies und das. Ich betone die Bedeutung des Friedens und der Aussöhnung. Dann hält der Mullah aus Isfahan eine Rede vor fast fünfzig herbeigeströmten Pilgern, die aufmerksam zuhören und fotografieren. Mir wird von ihm darin die Rose zugeordnet und am Ende umarmen wir uns mit Tränen in den Augen.
Eine große Wallfahrt und doch ganz anders.
Khorramshahr, die frühere „Perle am Persischen Golf“, leidet still vor sich hin. Zuwenig Arbeitsmöglichkeiten, Abwanderung, wüste Ruinengebiete, fast alle Häuser mit Kriegsschäden, die verlorene Funktion als Hafen Irans, zuwenig Zuwendungen von staatlicher Seite bestimmen die Atmosphäre der Stadt.
Die Bilder im dortigen Kriegsmuseum sind beeindruckend, erschütternd: man wehrte sich unter größter Anstrengung gegen die fast vollständige irakische Einkreisung, Häuser- und Straßenkämpfe bestimmten den Alltag. In unterschiedlichsten Variationen wird die Situation von damals zum Leben erweckt. Schon um dieses Museum sehen zu können, hat sich der Weg hierher gelohnt. Junge Männer aus allen Teilen des Landes kümmern sich um die Besucher, führen. Junge Frauen versuchen ein Bild von der Situation der Frauen damals zu vermitteln: als Kämpferinnen, Hausfrauen und Mütter. Hervorragend gestaltet die Originalwände des Museumsgebäudes als Schauvitrine - mit allen Narben des Krieges entstellt. Was kann es für bessere Zeitzeugen geben?
Ein gewisser Teil beinhaltet revolutionären Kitsch, Verherrlichungen, Mystifizierungen. Neutral kann dieser Krieg noch nicht dargestellt werden. Die Opferung von Hunderttausenden in einem zusehends sinnlos gewordenen und lang andauernden Krieg ( noch weitere sechs Jahre nach der Zurückeroberung von Khorramshahr von insgesamt acht) bildet einen großen Teil der aktuellen iranischen Geschichtsschreibung– trotz Waffenlieferungen von Seiten Israels im Wert von ungefähr $500 Millionen (Chomeini: „Wir ziehen über Baghdad nach Jerusalem...“). Die Ablehnung eines Angebots der Golfstaaten für Reparationszahlungen an den Iran über $70 Billionen bei Einstellung der Kriegshandlungen – was hatte man denn in der Zeit von 1982 bis 1988 gewonnen?
Im Wesentlichen stagnierte der Krieg und der Einsatz von Elitetruppen auf beiden Seiten brachte nur bescheidene Geländegewinne, die in keinerlei Verhältnis zum Aufwand standen (Wikipedia). Aus dieser Verbissenheit heraus war dieser Krieg so unverständlich für uns in Europa. Was wollen die Moslems denn dort? Der bedeutsame Unterschied der Religionsinterpretation von Schiiten und Sunniten wird von den Wenigsten in der westlichen Hemisphäre begriffen.
Kann diese unglückliche Verhaltensweise anders als Altersstarrsinn, kalkulierter Tod der unruhigen und nicht einschätzbaren Jugendlichen in einem Land kurz nach einem radikalen Umbau der Gesellschaft gedeutet werden? Hängt es mit Beschäftigungsproblemen für Schulabgänger zusammen? Man brauchte Soldaten und förderte die Geburten. Zu all diesen Faktoren schweigt noch das Kriegsmuseum. Bis so etwas thematisiert werden kann, muß noch viel Wasser den Euphrat hinab fließen...
Die „Bassiji“, die jugendlichen Kämpfer aus dem iranisch-irakischen Krieg der achtziger Jahre, die „Märtyrer“, wie man sie heute bezeichnet, bilden eine Säule des iranischen Staates. In jedem Betrieb sind ein, zwei, mehrere Bassijis untergebracht, wohl: um die Durchsetzung der aktuellen Politik des Staates zu überwachen.
Sie haben ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Auf einer „Bassiji-Schiene“ konnte ich bis nach Yazd reisen. Am Busbahnhof wurde ich von zwei jungen, keine Fremdsprache sprechenden, freundlichen Männern abgeholt und in ein preisgünstiges Hostel gebracht- weil ich Privatunterbringung abgelehnt hatte. Wie ich diese Verbindung aufgetan habe? Das kam so: Im Spital von Khorramshahr traf ich zufällig einen jungen, englischsprechenden Araber iranischer Nationalität – nein, er sprach mich an (Khorramshahr ist nicht einmal im Touristenführer „Lonely Planet“ erwähnt, d.h., es gibt sehr wenige Ausländer in dieser Region). Er war derart freundlich und zuvorkommend, daß ich meine Bedenken überwand und mich auf sein Motorrad setzte. Seine exzellenten Englischkenntnisse sind nicht zuletzt auf die bei ihm im Hause laufenden englischsprachigen Programme im Fernsehen zurückzuführen.
Wir fuhren zu verschiedenen Orten, darunter auch ins Kriegsmuseum und ich freundete mich mit den dort tätigen jungen Männern in Uniform an. Man half mir dort die Gegend und den militärischen Ablauf kennenzulernen, so gut man konnte und ich bin für die Gespräche und das Gezeigte allen sehr zu Dank verbunden.
Exkurs: Ein Kurde auf dem Bürgermeisteramt der Stadt Khorramshahr: „Ich bin Kurde und werde vom iranischen Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt, lernte Englisch und exportiere jetzt alle Formen iranischer Baukeramik in den Irak und verdiene gut.“
Diese Meinung war für mich ein Paradebeispiel und ich erzählte sie allen weiteren Bassijis (die äußerten, „Ich habe in meinem Leben noch kein Englisch benötigt...“) und Türken im Norden des Landes („Wir sprechen hier nur Türkisch...“) – als Beispiel eines durch sein selbsterworbenes Wissen erfolgreichen Unternehmers, der einem zerstörten Nachbarland in der Tat hilft.
Allein in den Städten wird der Englischunterricht ernsthaft betrieben, auf dem Lande gibt es nur Defizite. Was macht man im Erziehungsministerium in Teheran, schläft man dort? Wie bereitet man die Landeskinder auf eine globalisierte Welt vor? Hat nicht dies Chavez, der Freund des iranischen Präsidenten in Venezuela gezeigt, daß die Hebung des Bildungsstandes der Bevölkerung ein wichtiger Punkt zur Förderung des Selbstbewußtseins und damit zur Eigenverantwortung ist?
In der Neujahrszeit finden Bootstouren auf dem Shatt-al Arab („Arvand Rud“ auf Persisch) in Khorramshahr mit den aus dem ganzen Land Herbeigereisten statt, Busse bringen die Teilnehmer am späten Nachmittag auch nach Qosbeh, einem Fischerdorf am Persischen Golf. Dort wurde eine Insel in den Achtzigern unter großen Verlusten von den Iranern erstürmt, ging jedoch bei Friedensschluß wieder an den Irak zurück.
Wir stehen direkt am Wasser, noch in der Flußmündung, gegenüber die Insel in der Dämmerung, hinter uns ein großes Denkmal und Gebetsräume, Andenkenläden; viele, ja Tausende von Besuchern. Wie kann man die Stimmung hier beschreiben? Die kühle Abendbrise, die Gruppen von Pilgern am Fluß, wo von ehemaligen Kämpfern das Geschehene vergegenwärtigt wird. Unterdrücktes Schluchzen von Männern und von Frauen. Die Dämmerung fällt und hüllt alles in ein gnädiges Dunkel. Auf der Insel sind jetzt Lichter auszumachen. „Da hatten wir ein Spital gebaut“, sagt Muhammad, kann aber über dessen Fortbestand nichts sagen.
Zurück zur Bassiji-Verbindung: Von meinem neuen Freund in Khorramshahr zum Bus gebracht. Er spricht einen jungen Mann im Bus an, ob er mich bis Isfahan mitnehmen, sich um mich kümmern würde? Dieser stimmt zu. Ein älterer Herr sucht mich auf, Mr. Ameri. Er hatte mich vor einigen Tagen für ein Gespräch mit meiner Tochter zum öffentlichen Telefon gebracht, was ich mithilfe der bisherigen Beschreibungen nicht finden konnte. Etwas Englisch sprechend, war er Kapitän eines Schiffes auf der Linie nach den Emiraten. Jetzt bringt er mir eine große Tüte mit Pistazien, ist befriedigt, daß ich unter den Fittichen eines jungen Mannes reise. Ein herzlicher Abschied von beiden Bekannten. In der Dämmerung fahren wir durch kaum bevölkerte wüstenähnliche Gebiete. Nach einem Nachtrennen über die Berge mit 4000 Meter zwischen den unterschiedlichen Bussen auf dieser Linie, kommen wir in der Morgendämmerung in Isfahan an. Bei der Anfahrt sieht man ein riesiges, vages, lila-bräunliches Gebilde am Himmel. Irritierend kann man es nicht einordnen, es entzieht sich jeder Vorstellung. Erst am Tage kann man dieses Phänomen als Ausflugsberg von Isfahan ausmachen, der geschickt beleuchtet, seine Flächen mit dem Nachthimmel verschmelzen läßt.
Natürlich komme ich mit zu meinem Begleiter nach Hause, als er mich dazu auffordert. Dann werde ich durch Isfahan geführt, zum Essen und zu einer kleinen Bergbesteigung eingeladen – unmöglich etwas selbst zu begleichen. Bis zur Abfahrt des Busses warten wir gemeinsam, der Busfahrer wird instruiert. Und in Yazd warten schon die beiden Bassiji-Brüder auf meine Ankunft. An einem der folgenden Tage werde ich in das Haus der Eltern eingeladen. Es wird prächtig aufgetischt. Photoalben mit Bildern der militärischen Aktionen am persischen Golf werden präsentiert. Wir sprechen über die Bedeutung der englischen Sprache. Die Frauen sind dabei ganz aufgeschlossen und interessiert, fragen nach, wie sie Fremdsprachen in Fernsehen und Rundfunk lernen können. Ich spreche von Kurzwelle und Satellitenantenne. Überhaupt die jüngeren Frauen: In den kleineren Städten waren sie es, die mich oft durch ihre Sprachkenntnisse in diffizilen Situationen retteten.
Nun also in Yazd, der Stadt der Lehmbauten, der Wüste, der Zarathustra-Religion, die Stadt des ewigen Feuers. Hier kann ich mich sofort einleben. Von Persern, Türken, Briten, Iren, Franzosen, Esten, Ukrainer, Deutschen, Spaniern –alles ist da. Ein stetiger Austausch. Mein Hostel gleicht einem Bienenkorb. Unmittelbar neben der Amir Chackmagh-Moschee gelegen, bietet es von seinem Dach aus phantastische Nachtpanoramen. Das Beste ist der Mann an der Rezeption: ein Perser im Alter und in der Erscheinung eines Alt-Achtundsechzigers, mit deutscher Universitätsausbildung und deutscher Frau verheiratet samt Tochter, letztere beide im Ruhrgebiet lebend. Allen Fremden geht er hilfreich zur Hand und führt sie in die Geheimnisse der Yazder Altstadt ein. Man müßte ihm doppelten Lohn auszahlen. Der Komfort in der Herberge ist äußerst spartanisch, die Sauberkeit nicht besonders. Jedoch die dort geführten Gespräche klingen noch immer in meinen Ohren nach. Ein junger Ukrainer, in Kiew lebend, nur Russisch sprechend und sich über Ukrainisch im neuen politischen Sprachgebrauch amüsiert, lässt uns an seinen Reisen durch die Welt teilhaben: wir dürfen die private Bildergalerie auf seinem Kommunikationsgerät von Nizza über Sibirien, China, bis zum Himalaya uns in Ruhe ansehen – ein Dokument. Auf seinen Beruf angesprochen: „Ich bin Reisender“ (Er besitzt drei Wohnungen, die er vermietet, erklärt er auf Nachfrage.)
Jungen aus Irland in ungewöhnlichen, kurzen Hosen, die von Thailand über den Iran nach Westen radeln, wenig wissen, jedoch Interesse besitzen und nachfragen, estnische Diplomaten mit Familie, eine junge französische Journalistin, im korrekten Schwarz, in die Gesellschaft der Frauen als Alleinreisende hineinfühlend, begeistert von deren Interesse und Gastfreundlichkeit, ein junger deutscher Lehrer, der sich mit dem Reiseführer „Lonely Planet“ bewaffnet, durch das Land bewegt, die Sehenswürdigkeiten abhakt.
Die Kühle der Gassen in der Hitze des Tages. Das Gewinkel der Gassen, beginnender Verfall, die riesigen und doch bestens gestalteten Kühlöffnungen der alten Brunnenhäuser, die Fülle der Basare. Moscheen, eine schöner als die andere, voller Mosaiken, mit Zeichen der arischen Zugehörigkeit.
Von Yazd aus fahren wir, eine Gruppe von Hostel-Gästen, zu einem Heiligtum der Zarathustra-Anhänger in die Wüste, wo gerade ein Feiertag zuende geht. Ein paar Häuser inmitten einer bizarren Gebirgslandschaft an einen steilen Hang geklebt. Sonst nur Wüste. Hunderte von Gläubigen befinden sich hier. Kaum einer bekennt sich zu Zoroaster (wie Zarathustra auch genannt wird), aber die meisten haben kleine Kinder, teilweise Säuglinge mitgebracht, die alle mit in das Heiligtum selbst, unterhalb eines tausendjährigen Baumes, mitgenommen werden. Hier hatte sich nach einer Sage eine Gläubige vor den sie verfolgenden Männern gerade noch verstecken können. Sie rief den Gott an und der Berg tat sich auf – so wurde sie gerettet. Durch diese Sage ist dieser Wallfahrtsort entstanden.
Exkurs: Wie alle zentralisierten Staaten tun sich die Perser mit den Minderheiten ethnischer Art (Araber, Kurden, Türken, Nomaden, Luren...) sowie den nicht-islamischen Religionen schwer.
Dabei besteht über die Hälfte der persischen Geschichte aus vorislamischer Zeit: eine Vergangenheit der Stärke, Kultur und Wissenschaft. Dies bildet eine eigentümliche Irritation für die das „Heil“ predigende iranische Staatsführung: wie lange gibt es den Zoroaster-Glauben im Iran, warum muß er ein Schattendasein fristen, darf man sich nicht zu ihm bekennen? Warum antwortet ein bekennender Ba´hai auf die Frage nach der aktuellen Situation seiner Glaubensbrüder, man möge sich besser die Seite „www.bahai.com“ im Internet ansehen? Den Christen im Iran soll es nicht besser gehen, ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, einen davon kennenzulernen. Selbst die Derwische haben mit ihrer freizügigigeren Auslegung des Islam wohl große Probleme, es sollen bereits einige ihrer Moscheen zerstört worden sein.
Das sind Ereignisse, die ein problematisches Verhältnis zu Andersdenkenden ausdrücken.
Im Iran befinden sich neben Pakistanis jede Menge geflüchteter Afghanis, die beide meist illegal in bei Persern unbeliebten Arbeitssituationen beschäftigt werden, jederzeit kündbar und somit als Reservearmee dienen .Weiter hört man von 300.000 afghanischen Garden, die einerseits als willkommene Stütze der Regierung dienen und damit die Rolle der Kubaner in Venezuela einnehmen. Andererseits stellen diese im Exil lebenden, gut ausgebildeten Afghanis wohl eine Karte des Irans für die Zeit nach dem Scheitern der westlichen Intervention in deren Heimatland dar. Ausländer lassen sich auch leichter bei innenpolitischen Differenzen einsetzen.
Die „Stiftung für die Opfer des iranisch-irakischen Krieges“, deren Spendenbüchsen man an fast allen großen Kreuzungen in Stadt und Land verteilt sieht, scheint einen Staat im Staate zu bilden. Mit Waffengeschäften, Agrarunternehmen, Investitionen in Handel, Industrie, Tourismus , ja sogar Luftfahrt, mit eigenem Finanz- und Kreditinstitut zahlt sie keine Steuern. Bereits Chatami war in der Zeit seiner Führung an der Durchsetzung der Steuerpflicht der Stiftung gescheitert. So stellt diese Institution einen tragenden Pfeiler der gegenwärtigen Regierung dar – mit direktem Zugang zur Staatsführung und keiner Kontrolle unterstellt.
Einen anderen Pfeiler stellt IRANKHODRO, ein Automobilimperium dar, das zusammen mit seinem Allierten SAIPA die gesamte Inlandsproduktion an Fahrzeugen bereitstellt - abgesehen natürlich von importierten Marken. Mit der ihm eigenen Pars-Bank (der größten iranischen Geschäftsbank) exportiert er in Kooperation mit Renault und PSA(Citroen/Peugeot) Busse nach Algerien, Automobile und Montagewerke nach Weißrußland, Ukraine, Russland, Rumänien, Bulgarien, Armenien, Türkei, Saudi Arabien und Venezuela. (Le Monde diplomatique; Juni 2009) Auf diesem Gebiet steht der Iran in Vorderasien an der Spitze.
Jedoch: In fast allen Metropolen und Megapolen der zweiten, dritten und vierten Welt gibt es vergleichbare Situationen mit Persien: eine zentralisierte Staatsmacht schafft sich ein übervölkertes Zentrum, wo Verkehr, Wirtschaft und Politik angesiedelt sind. Anstatt von einer kleinen, übersichtlichen, höherliegenden, verkehrs- und luftoptimierten Kapitale aus das Land zu regieren, bleibt man verhockt in der bisherigen Hauptstadt kleben, wo Blech- und Menschenlawinen immer neue Lösungen fordern, die der Staat kaum und wenn, nur mit Verzögerungen und selbst dann nur ansatzweise, erfüllen kann. Mit knapp 15 Millionen Einwohnern Teherans hat man inzwischen das Problem zwar erkannt, schafft jedoch bisher nur „Entlastungsstädte“, anstatt die Dinge im Sinne von Brasilia aus (d.h. der Auslagerung der Regierung aus der Großstadt als radikaler Lösung) zu betreiben. Was fesselt die Staatsmacht in einem islamischen Land ohne Bodenspekulation und anderen westlichen Entartungen? Warum muß dem Individualverkehr vor dem Kommunalverkehr Vorrang gegeben werden?
Warum ist der Unterschied zwischen Stadt - und hier besonders der Hauptstadt - und dem Land derart unüberbrückbar?
Es gab jedoch bereits vor dem Amtsantritt Ahmadinedschads Immobilienspekulation, die, durch dessen Intervention 2008 (Sperrung aller Immobilienkredite) wie eine Seifenblase zerplatzt ist und das Bankensystem wanken läßt. Neben dem Rückgang der Wohnungsnachfrage werden faule Kredite konstatiert, die Kreditnachfrage schrumpft um eine Drittel, die Außenstände der Zentralbank wachsen durch ausstehende Zahlungen der Privatbanken auf 105%, Verlust von Arbeitsplätzen und einer seit Beginn des Jahres 2009 auf 60% steigenden Inflationsrate. Daß die drückende Schuldenlast weiter Teile der Bevölkerung durch staatliche Kredite für die Landwirtschaft, Rentner, Frischverheiratete, Wohnungseigentümer kompensiert werden kann, werden die Wahlen zeigen. (Le Monde diplomatique; Juni 2009)
Ich greife vor: Im Norden des Landes, in der Region der Hauptstadt Ardebil hatte ich – anders als in den bisher gesehenen Regionen - den Eindruck, durch ein ehemaliges Kriegsgebiet zu fahren; so verlassen, verloren, strukturlos sahen die Dörfer dort aus.
Was kennzeichnet eigentlich eine Lokalverwaltung - ist es nicht das Gemeinwohl aller im Gebiet Lebenden? Mangelnde Ausbildung, Günstlingswirtschaft, Nachlässigkeit sowie fehlende Religiosität müssen die Ursache sein.
Gemessen an Afrika scheint die Situation nicht derart hoffnungslos, aber als befriedigend ist diese hier nicht zu bezeichnen.
Auf manchen Nachtfahrten hielt der Bus an einer Raststätte, wo die Reisenden ihre Gebete verrichten und danach ein preisgünstiges Essen einnehmen konnten. Die Blüten der Mobiltelefonie sind dort soweit gediehen, daß viele der Passagiere mehrmals in der Nacht um zwei, drei Uhr angerufen werden –aber nicht in Vibrationsfunktion, sondern mit Klingeltönen für Schwerhörige. Dabei lässt man es recht lange klingeln, damit die anderen die besonderen Tonfolgen des Handys goutieren können. Mir fiel zu diesem ungehobelten Verhalten nur der „kategorische Imperativ“ von Immanuel Kant ein, der diesem Volk und dieser Religion an diesem Punkt zu fehlen scheint – so, wie es sich ebenfalls bei uns in dieselbe Richtung entwickelt.
Allerdings: Wie oft mir etwas großzügig angeboten, geschenkt wurde: ich kann es an meinen Händen nicht abzählen. Von den Einladungen zum obligatorischen Tee, zum Essen, vom Nähen des Schlafsacks, beim Reparieren des Gürtels, in der Reiseplanung, beim Schlangestehen und der Ergatterung der wenigen restlichen Zugtickets vor den Feiertagen – immer traf ich Perser, Kurden, Türken, die mich an der Hand nehmen und oft ohne jede Fremdsprachenkenntnisse die Dinge für mich regelten, nach dem Motto: „da ist ein Deutscher, der braucht Hilfe“. Und Deutscher zu sein, ist aus unerfindlichen, nein: aus der Geschichte des Landes erklärbaren Gründen, ein Privileg, was Türen und Tore öffnet.
Als Mitglied der indogermanischen Sprachfamilie grenzen sich die Perser gegenüber ihren, oft sunnitisch-arabischen Nachbarn ab (und bezeichnen sich Deutschsprachigen gegenüber als „Brüder“). Dazu kommt, daß bereits in den dreißiger Jahren Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien, öffentliche Gebäude und später auch Industrie aus Deutschland kamen und einen hohen Stellenwert für den Iraner besitzen.
Auch ich erntete hier für Dinge, die ich nicht gesät hatte. Und gerade deshalb möchte ich allen, die diese Zeilen lesen, zurufen, sie mögen sich durch die im Westen vorherrschende Berichterstattung nicht abhalten und verwirren lassen, sondern dieses Land selbst in Augenschein nehmen, sich den Bedingungen, so wie die französische Journalistin, anpassen und Ihr werdet überreich beschenkt von dort zurückkehren, wie man es selten erleben kann. Letztlich geht es doch nicht um ein politisches System, sondern um die Menschen, die sich offen Ausländern gegenüber verhalten, ja, den Kontakt sogar suchen.
Aber wir müssen diesen Exkurs beenden und nochmals nach Yazd zurückkehren, wo die Fahrt in die flache Wüste noch der Schilderung harrt. In knapper Skizzierung: Zusammen mit einer Sekretärin und einer Englischdozentin fuhr ich gut fünfzig Kilometer zwischen Bergbaugebieten in filigraner Berglandschaft, entlang der Eisenbahnstrecke nach Bandar Abbas (Hafen am Persischen Golf), dann nochmals zehn, zwanzig Kilometer nach Norden, wo sich eine Oase befindet – umgeben von Wüste. In dreißig, vierzig Kilometer Entfernung ragte ein markanter Bergrücken auf, in der Ferne schlossen sich weitere Massive an, die aber im Dunst nicht mehr präzise auszumachen waren. In der Oase wurde Landwirtschaft (Viehhaltung, Datteln, Gemüseanbau) betrieben, seit kurzer Zeit auch Kamelreiten für Touristen, die aus den Städten herbeiströmen und ein Zubrot ermöglichen. Man baut gerade an einem Kamelreitstandpunkt direkt am Anfang der Wüste, gut einen Kilometer nördlich des Dorfes. Dort steht bereits ein Container, bald wird es eine staatlich geförderte Reitstation geben. Interessant war die Antwort des Reiseleiters auf die Frage, ob man für einen zu erwartenden Tourismus nicht besser den Müll zuerst beseitigen müsse? Das sei Angelegenheit des Staates, der auch dafür ein gesondertes Programm in naher Zukunft starten werde. (Fallen derartige Mißstände nicht immer auf den jeweiligen Ort zurück? Sollte man nicht besser mit der Schule und den Kindern sich zuerst eine lokale Müllvermeidungsstrategie erarbeiten?)
Wir wohnten im Haus eines Bauern, mit Kühlschrank, Kochgelegenheit, Dusche samt Klo ausgestattet. Dort stiessen dann die Männer der Damen zu uns. Man grillte unterm Sternenhimmel im Hof, es gab frisches Gemüse dazu, als Nachtisch frische Datteln und der Tee floß in Strömen.
Am nächsten Morgen machte ich mich vor Anbeginn der Dämmerung hinaus zum zukünftigen Reitzentrum, kletterte auf die höchste der Dünen und erwartete dort den Morgen, der mißmutig, langsam und grau sich kaum durch die Wolken zwängen konnte. Erst allmählich schälten sich die Umrisse der Landschaft heraus und viele, der bereits in meinem Kopf existierenden Bilder mußten abgeschrieben werden. Ein strenger Westwind wehte, so stark, daß ich Schutz davor weit unterhalb des Dünenkammes suchen mußte – es war nachts empfindlich abgekühlt und ich hatte bereits alle mir zur Verfügung stehende Kleidung angezogen. Der feine Sandregen überschüttete mich und ich barg meine Ausrüstung unter meinem Anorak. Spuren von Wüstenfüchsen, die in der Nacht das Gebiet abgesucht hatten, verfolgte ich, maß immer wieder mit dem Belichtungsmesser die Lichtmenge, die für ein gutes Photo nicht ausreichte. Erst gut eine, eineinhalb Stunden später brach die Sonne durch die Wolken, zögerte ein wenig und überschüttete von da ab zunehmend die Landschaft, daß aller Dunst und Wolken vertrieben wurden. Allerdings stand sie bereits so hoch, daß einige der Stimmungen schon vorüber waren. Die Sonne brannte, ich steckte noch ein paar Brocken aus der Salzpfanne im Wüstenboden in meine Tasche und verschwand im Haus. Es war dennoch ein tiefgehendes Erlebnis, mein erster Sonnenaufgang in der Wüste - nach Dutzenden von Büchern über die unterschiedlichsten Wüstenformen in der Welt.
Am gleichen Tag scheiterte mein Versuch unter Hissung der deutschen Flagge nach Teheran zurück zu trampen (es war bereits starker Rückreiseverkehr, die Wagen auf den letzten Platz besetzt). Zu guter Letzt reiste ich mit dem Bus, stopfte meine stark strapazierte Kleidung in die Waschmaschine und wurde wieder zum Menschen. Wie schön heimelig ein freundlich überlassenes Appartement sein kann!
Jedoch der Norden lockte und ich begab mich zum Asadi-Busbahnhof, um den Nachtbus nach Ardebil zu nehmen. So faszinierend eine Nachtbus- Fahrt ist, so ungemütlich wirken sich störende Einflüsse wie zu starke Heizung, Ausschalten des Leselichtes sowie Handy-Geschnatter etc. aus. Im Bus nach Norden sitze ich neben einer Art Pressesprecher der Regierung, der mich gleich in spannende Gespräche verwickelt. Ich fasse Mut und befrage ihn zu für mich unerklärlichen Verhaltensweisen. Warum müssen an polizeilichen (oder militärischen?) Kontrollstationen der Busse auf Nachtfahrt, alle in Liegehaltung gerutschten Passagiere vom Busbegleiter geweckt werden, dass sie sich aufrecht hinsetzen? So etwas wäre in Mitteleuropa undenkbar, eine Unterordnung des Individuums unter die Exekutive. Mein Begleiter antwortete, er sei jetzt „in Ferien“ und habe keine Lust mehr auf Politik. Das habe ich gebilligt, die Beantwortung meiner Frage steht jedoch noch aus.
Nein, es gibt keinen Bus nach Sara´eyn, einem Heilbad nordwestlich von Ardebil, fünfundzwanzig Kilometer entfernt: Alle meinen dies am Busbahnhof von Ardebil und langsam versteht man: man möchte den gut zahlenden Kunden nicht verlieren. Er bräuchte nur auf die dem Busbahnhof vorgelagerte Hauptstraße und sich dort einen Bus bzw., ein Taxi zur Haltestelle des Sara´eyner Busses nehmen – aber wer macht das zwischen sechs und sieben Uhr morgens? So darf man die überhöhten Festpreise bezahlen. Der Sabalan (4821m) erhebt sein rosigfarbenes, schneebedecktes Haupt und dient als Richtungsweiser. Genauso dominiert er die Hochebene von Sara´eyn, im Süden sind die Bergketten des Zakros-Gebirgszugs auszumachen. Dazwischen liegen extensive Landwirtschaft, Schafweiden, Ödland und verstreute Ansiedlungen.
Große Teile sind hier mit Plastikabfällen übersät, die der Wind verweht. Überall konstruiert man Neubauten von Hotels, das Zentrum voll von Honig- und Spezereiläden - es scheint ein beliebter Ausflugsort zu sein. Die Bäder, die Straßen, die Geschäfte sind von Touristen gut frequentiert; aber man beginnt zu packen, das Ende der Neujahrs-Ferien ist gekommen. Fast schlagartig, zeitgleich mit der Verödung des Ortes sinkt die Temperatur, Regen setzt ein, der in Schnee übergeht. Nun spürt man, daß man sich am Fuße des zweithöchsten iranischen Gebirgsmassives befindet. Ich muß meine Dokumentation der baulichen Situation des Heilbades wegen dichten, ungemütlichen Nebels abbrechen, heize mit den Gasflammen des Herdes in meinem Appartement. Noch sind die Bäder geöffnet. Das preisgünstige Garmish Goli-Bad hat folgende Öffnungszeiten: bis 13 Uhr für Männer, ab 14 Uhr für Frauen, ab 18 Uhr für Männer – und das wöchentlich wechselnd. Mädchen bis acht dürfen mit den Vätern baden. Ein Erlebnis, dieses Bad, wenn es von Gesundheitssuchern belagert ist. Abenteuerliche Bademoden beherrschen das Bild. Die dampfenden Leiber im heißen Wasser, das Becken fast vollständig mit Badenden gefüllt. Und drumherum lagert man auf dem Beckenrand und auf den Betonstufen. Plötzlich erhebt sich ein Gemurmel, ein Aufschrei geht durch die Menge: ein drahtiger junger Mann hat sich auf das Brunnenhäuschen am Rande des Beckens hinaufgezogen, winkt und springt ins brodelnde Wasser unter ihm. Fast gleichzeitig hechtet ein anderer vom Beckenrand in einen von Badenden freigemachten Raum. Beifall tost auf, Rufe werden laut. Danach sinkt der Gräuschpegel auf das normale Niveau zurück. Im großen Becken sprudelt das über 40° C heiße Wasser aus dem mit grobem Kiesel gefüllten Boden; Kohlensäure wird dabei frei. Vom Fuße des Sabalan, einem Vulkan, stammen die elf Quellen in Sara´eyn. Ein Jüngling massiert den Rücken seines alten Herren, ein junger Vater führt seinen Sohn mit der Schwimmweste durch das Abkühlbecken, was selbst für Erwachsene mit 45°C immer noch zu heiß erscheint. Allen mitteleuropäischen Badegewohnheiten entgegengesetzt, kühlt man das Heilwasser nicht ab – da gibt es selbst für Kinder keine Gnade: alle müssen hinein in die kochende Suppe! Keine Uhr läßt den Badegast die eigene Verweildauer abschätzen...
In Sara´eyn hatte mich hatte der Taxifahrer zum einfachen Hotel Sahel gebracht, das einem frommen Mann gehört. Als Höhepunkt persischer Hotellerie gibt es ein modernes Vier-Sterne-Hotel mit 98 Betten in staatlichem Besitz. Das Lalah-Hotel besitzt komfortable Unterbringungsmöglichkeiten und all das, was man für einen Heilbad-Urlaub benötigt. Doch leidet es am Schwund der Reisenden aus dem Westen. In den letzten Jahren kommen nur noch ab und zu Mechaniker, die Anlagen reparieren oder aufstellen. Natürlich kommen noch diese und jene Scheichs aus den Golfstaaten, aber das ist nicht genug. Sein zuvorkommender Hotel-Manager führt mich an einem Tag durch die Hauptstadt Ardebil, zeigt mir die Sehenswürdigkeiten, wie das Archäologische Museum sowie das ungeahnt prächtige Mausoleum von Scheich Safi Al-Din Ardebili, dem Begründer der Safawiden-Dynastie. Ob diese schiitische Architektur die Entwicklung der Hochgotik zum Tudor-Stil beeinflusst hat? Diese Frage bleibt offen. Bemerkenswert, in der Tat. Aber zum Wohlfühlen reicht es nicht. Liegt das an der schneidenden Kälte, die auch diese Stadt durchströmt?
Exkurs: Noch einmal das Thema „Fremdsprachen“, jetzt im Bereich der Touristik: Deren mangelhafte Kenntnis führt dazu, daß es ein Transportunternehmen in Sara´eyn gibt, was sich „tourism-office“ nennt, aber keiner der dort Tätigen sich mit Ausländern verständlich machen kann, noch irgendetwas zum Tourismus vermitteln kann..
In der Region „Ardebil“ soll es - nach verläßlichen Quellen - nur ganze drei Personen im Tourismus geben, die des Englischen mächtig sind. Die jungen, gutausgebildeten fremdsprachenkundigen Kräfte sitzen zuhause und können ihr Wissen nicht an die Fremden bringen - weil die alten Kader ihre Plätze nicht räumen wollen.
Die Unzufriedenheit der Jugend bildet das größte Problem in diesem Staat. Unser Bus hält in der Nacht am Kaspischen Meer, das sich tiefschwarz, gleich hinter ein paar Häusern und Reisfeldern versteckt. Eine Brise vom Meer läßt uns frösteln. „Wie soll ich eine junge Frau auf der Straße ansprechen, wenn das verboten ist, wie kann ich überhaupt eine Freundin finden?“, fragt mich ein Enddreißiger ratlos, „das ist eine sehr komplizierte Situation und er sei sicher nicht der Einzige.“ (Natürlich kann man das Internet zur Kontaktanbahnung benutzen, aber wer möchte das schon gerne nutzen?) „Ich muß meine Tante mitbringen, wenn ich Dich sehen will“, meint die Bekannte eines Westlers und steuert mit Tante auf dem Vordersitz und Freund auf dem Rücksitz durch das Gewühl der Hauptstadt.
Die Formen des Zusammenlebens sind reglementiert und – durch Ordnungskräfte beliebig interpretierbar. Die Partys in den Privatwohnungen der Großstädte, die Boykottierung von Staatsfernsehen und Tschador, das Lüpfen des Kopftuches zur Preisgabe des Haupthaares, der Einzug der Kosmetik – soll das alles kein Zeichen eines kollektiven Unwillens sein? Insgesamt macht der Iran den Eindruck einer Gesellschaft auf dem Weg in eine noch ungewisse Zukunft. Die Religion hat noch die Zügel im Staat in ihren Händen, aber die straffe Führung wird zunehmend unterwandert, aufgelöst. Noch hält der Gegensatz zwischen Stadt und Land den gegenwärtigen Zustand aufrecht.
Bei der Planung der Reise, hatte mir ein persischer Bekannter von einer Reise zur Neujahrszeit abgeraten. Es stimmt, daß Behörden, Verkehr, Öffnungszeiten der für Ausländer bedeutsamen Institutionen nur ganz mangelhaft arbeiten. In Persien soll man zu Neujahr seine Wohnung wechseln, zu Bekannten und Verwandten fahren. Der Basar in Teheran war praktisch völlig geschlossen, man irrte durch die menschenleeren Gassen. Krankenhäuser und Labors haben ein stark reduziertes Programm. Fast alle Behörden sind gut vierzehn Tage geschlossen. Dennoch bietet das Land gerade in dieser wichtigen Zeit des Jahreswechsels einen ganz anderen Einblick – und den durfte ich genießen.
PS.: Dieser Text wurde vor den Ereignissen um die Präsidentenwahl verfasst.